Galerie Beate Rose

D-84028 Landshut, Nahensteig 183, Tel + Fax 0871 / 2764044


NIKO DEUSSEN

Bemerkungen zu Werken von Andreas Hupp

Ausstellung im September 2011 in der Galerie Rose, Landshut


Der Anfang ist trübe. Die Welt erscheint uns schleierhaft. Der frühe Blick geht noch ins Beliebige, verliert sich meist im Ungewissen.
Nach und nach jedoch justiert sich der Sehapparat. Die Sicht klart auf. Aus den Schemen schälen sich Formen. Die neuen Eindrücke verfestigen sich in uns als Bilder der äußeren Welt.
Perfekt wird das menschliche Sehorgan allerdings nie. Ein Umstand, der schon Hermann von Helmholtz (1821-1894) auf die Palme brachte: "Würde mir jemand ein optisches Gerät mit solchen Fehlern anbieten", so sein vernichtendes Urteil, "würde ich es in aller Deutlichkeit zurückweisen."
Der nachhaltige Qualitätsmangel hat biologische Konsequenzen. Während der Evolution entwickelt das sich ausdifferenzierende Gehirn einen neuronalen Mechanismus, der extrem in den Sehvorgang eingreift. Nicht nur wird der Augenschein im visuellen Cortex, dem Sehzentrum, einer Korrektur unterworfen. Das Denkorgan übernimmt direkt die Kontrolle über das Auge. So sendet die Sehrinde ununterbrochen Nervenimpulse an die Netzhaut, um die einströmenden Lichtreize zu filtern, zu kanalisieren und auch zu schönen. Gehirn und Auge bilden - im Gegensatz zu den übrigen Sinnesorganen - eine informatorische Einheit. Evolutionsgeschichtlich sind die Augen der Wirbeltiere eine Ausstülpung des Gehirns.
Damit wird das Sehorgan zum wirkmächtigen Werkzeug des wissbegierigen Menschen. Es nutzt sich - im Prinzip - nicht ab und hat gleichsam eine unendliche Reichweite. Von den ins menschliche Gehirn einlaufenden Sinneseindrücken stammen über neunzig Prozent direkt aus der visuellen Wahrnehmung. Der Mensch ist ein Augentier.
Bei der Aneignung der Welt nimmt der Sehsinn daher eine Schlüsselstellung ein. Während das Haptische auf den direkten Umkreis beschränkt bleibt, geht der himmelstürmende Blick weit ins Erdenrund und hoch darüber hinaus. Er liefert uns die Abbilder des Außens. Unsere Vorstellung von der Welt wird konkreter. Schließlich kristallisieren die Bilderwelten als Weltbilder aus. Und suchen wieder einen Weg ins Außen, zu den Anderen. Bezeichnend hierfür: die bildendenden Künste tauchen bedeutend früher auf, als die sogenannten Kulturtechniken.
Damit ist der Weg eingeschlagen für die Reproduktion von innerem Erleben als entäußertes Kunstwerk. Von nun an wird der Mensch in seinem Erkenntnisdrang jede neue technische Entwicklung auch für seine künstlerischen Ambitionen nutzen. So wandelt sich beispielsweise die Wandmalerei zum Gemälde, und über die Lithografie entwickelt sich daraus endlich die Fotografie.
Paul Valéry (1871-1945) setzte in solche Entwicklungen große Hoffnungen: "Man muß sich darauf gefaßt machen, daß so große Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, dadurch die Invention selbst beeinflussen und schließlich vielleicht dazu gelangen werden, den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern."
Ein Vierteljahrhundert später haben die Feierabendfotografen die Ablichtungskunst zu Tode geknipst. Ihre Reste verbrannten sie sukzessive mit heißer Projektionsbirne auf nervtötenden Dia-Abenden. Endgültig verkommt nunmehr die Fotografie mittels iPod-Bildergalerien zum unsäglichen und nichtssagenden Massenphänomen. Der Blick geht wieder ins Beliebige, verirrt sich im Hintergrundrauschen einer bunten Leere. Das tastende, forschende Auge, das uns einst das weite Lebensrund erschloss, wird zum reizüberfluteten Organ: Iconic turn als Worst case.
Ihren Sündenfall aber durchlebte die Fotografie im deutschen Faschismus. In den Registraturen der Konzentrationslager fanden sich nach dem Krieg Abertausende von Ablichtungen, die Büstenporträts von Lagerhäftlingen zeigten. Eine Dokumentation des Menschenmaterials, das zur Deportation und Vernichtung bestimmt war. Deutsche Bürokratie feierte auch hier Urständ.
Trotz der Masse des Materials bleibt ein angemessenes Angedenken aus. Denn fotografische Produkte sind durch ihren allgegenwärtigen Gebrauch, ihre permanente Verfügbarkeit längst der Reflexionsebene entzogen. Opfer wie Bilder stehen so am Abgrund des Vergessens.
Dem drohenden Geschichtsverlust setzt Andreas Hupp seine Skulpturen entgegen. Seit einigen Jahren schafft er auf der Grundlage der NS-Fotografien exemplarisch Holzbüsten von Häftlingen. Mittels dieser Transformation löst Hupp die Bilder aus ihrer Bedeutungslosigkeit, hievt sie aus dem Dunkel der Lagerräume ins Licht der Wahrnehmung. Eine Technik, die der Bildhauer seit kurzem auch auf andere Fotoarbeiten, etwa aus Modejournalen, anwendet.
Hieb für Hieb erobert Andreas Hupp den skulpturalen Porträts einen neuen Ort, der durch ihre Distanz zum Betrachter eine bequeme Konsumption verhindert. Der vorschnellen Aneignung, der griffigen Kategorisierung setzt er bewusst eine perspektivische Verspannung entgegen. Der irritierende Blickwinkel schützt die Skulpturen gleichsam vor einem Rückfall in die Beliebigkeit. Damit verschiebt sich die Verortung der Skulptur im Raum vom Künstler hin zum Betrachter. Er muss für sich den Ort im Raum-Zeit-Gefüge finden, wo die Balance zwischen ihm und dem Kunstwerk austariert ist.
Der so und jedesmal neu entstehende Raum zwischen Subjekt und Objekt erlaubt ebenso einen Neustart des Rezeptionsvorgangs. Dem Betrachter ist damit eine Möglichkeit eröffnet, sich mit der Ungeheuerlichkeit des Geschehens auseinanderzusetzen. Noch einmal nachzudenken über den Niedergang der deutschen Kultur, als die Marschkolonnen von SA und SS das Menschenbild des Humanismus unter ihren Stiefeln zertraten.

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