Galerie Beate Rose

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NIKO DEUSSEN

VERDRÄNGTE LEERE

Die Tierplastik im Werk Karl Reidels

"Die Natur ist so gemacht, dass sie verstanden werden kann."
Werner Heisenberg, Physiker

Raum ist Leere. Der Raum lässt sich nach den Regeln der Geometrie in drei Richtungen ausmessen. Die Leere kann, so eine Vorstellung der Physiker, von materiellen Körpern angefüllt werden. Das plastische Werk von Karl Reidel ist darin - in einer bestimmten Region - äußerst erfolgreich.

Immer wiederkehrender Aspekt im Schaffen des Landshuter Bildhauers ist die Fauna. Dabei handelt es sich jedoch fast ausschließlich um "Tiere des täglichen Erlebnisraums, die von Anfang an kontrapunktisch seine Darstellung des Menschen begleiten". Damit umriss schon vor einigen Jahren Lenz Kriss-Rettenbeck, ehemals Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums, die Stellung der Kreatur im Werk Karl Reidels.

Anfangs zeigen sich die Tiere zumeist noch in funktioneller Einheit mit dem Menschen. Oft als Reittier, hin und wieder als Haustier balancieren sie die Plastiken aus. Einzeldarstellungen sind in der frühen Zeit eher selten, dann aber ebenso von Nützlichkeit durchdrungen wie im Ensemble. Wie etwa jene Skulptur eines Bären, die der gelernte Steinbildhauer gleich zu Beginn seiner Akademiezeit aus einem Granit als Gartenbank herausschlägt. Erst später emanzipieren sich die Tiere aus der Domestikation und gewinnen innerhalb des Oeuvre eine eigenständige Qualität.

Die Gestalt eines Gegenstandes, seine Grenzen prägen sich der verdrängten Leere auf. Ihre neue Kontur ist prinzipiell und bildet daher quasi ein (unbegrenztes) Pendant zur Plastik. Im Sinne der Hegelschen Dialektik verbindet sie das unlösbar miteinander: das Eine ist ohne das Andere nicht denkbar, nicht fassbar, nicht änderbar. Dabei sind im Wechselspiel von Masse und Leere die Durchbrüche und Aussparungen in den Skulpturen den Pausen in der Musik, den Abständen zwischen den Tönen vergleichbar. Das Störende beispielsweise an moderner Techno-Musik sind nicht nur die wammernden Töne in Tieflage, die noch jede Dämpfung, jedes Autofenster dumpf durchdringen. Auch die Permanenz des Musikteppichs, die Unablässigkeit, mit der die Tonfolgen auf den Zuhörer eindringen, feindet den Geschmack an. Der Non-Stop-Beat lässt Geist und Gehör keine Zeit zum Zuhören.

Große Rockmusiker wie etwa Keith Richard gehen vergleichsweise sparsam mit den Tönen um. Musikkritiker bescheinigen dem Leadgitarristen der Rolling Stones daher auch, er baue mit seinem Instrument regelrechte Klangskulpturen. In diesem Sinne sind Karl Reidels Plastiken ausgereifte Kompositionen, ein ästhetisch ausgeglichenes Angebot an die Sinne. Allerdings oft auch mit einem Schuss Ruppigkeit ähnlich wie in guter Rockmusik.

Die frühen Skulpturen Karl Reidels sind häufig vielflächig gegliedert, vielfältig strukturiert. Kreatur und Mensch sind in ihnen noch ganz auf sich bezogen. Die ästhetische Spannung baut sich zunächst innerhalb der Plastik auf. Der Spannungsbogen stellt die Ausgewogenheit zwischen Masse und Leere her. Dem Betrachter präsentiert er sich als Kraftfeld, das ihn anzieht und in das er gleichsam gedanklich hineinverwoben wird. Die Skulptur strahlt ihre innere Faszination nach außen ab.

Mit der Zeit streben die Reidelschen Tiere nach immer mehr Selbständigkeit. Sie treten aus dem Schatten der Menschen und beanspruchen ihren eignen Platz im Werk. Ihrer Natur gehorchend, runden sich die alleinstehenden Tierfiguren, vollenden sich in der ihnen eigenen Kompaktheit und Klarheit. Zwar geht es immer noch um den Körper als Problem aus Statik, Volumen und Oberflächenspannung - und seiner formalen Lösung. Doch ihre bronzene Bodenständigkeit gibt ihnen zugleich eine Masse mit, die sie schnell zum Zentrum des Interesses macht. Die Spannungsverhältnisse zwischen Mensch und Kreatur, die sich bis dahin innerhalb der Plastik abspielen, verlagern sich nun nach außen. Die Skulptur fasziniert durch ihr äußeres Beziehungsgeflecht.

Die moderne Physik sieht im Raum nichts mehr Absolutes. Noch Isaac Newton stellt ihn sich als unveränderlichen, ewig währenden Bereich vor, im dem alle Mechanik stattfindet. Dem entspricht auf philosophischer Ebene die Idee, dass der Raum unabhängig von jeder individuellen Erfahrung existiert. Er ist eine Anschauungsform, so etwa Immanuel Kant, die uns ohne unser persönliches Zutun zur Verfügung steht. Der Raum ist a priori, vor jeder Existenz bereits da.

Erweitert werden die alten Raumvorstellungen vor allem durch die physikalischen Arbeiten Albert Einsteins. Nach seinen Überlegungen reagiert der Raum auf angesammelte Masse. Sie strukturiert den Raumabschnitt um sich herum. In seiner unmittelbaren Umgebung, dem Nahbereich, formt der Körper den Raum allein schon durch seine Masse. Dadurch relativiert sich der Raumbegriff: ändert sich die Masse, verändert sich auch die Raumstruktur. Durch den Bogen, den Karl Reidels solitäre Tierplastiken zum jeweiligen Betrachter schlagen, ändert sich für bestimmte Zeit und im beschränkten Maß ebenfalls das Raumgefüge.

Formal sind die frühen Stücke aus Reidelscher Hand bis zu einem gewissen Grad der Abstraktion verpflichtet. Das Zusammenspiel von Maß und Masse, von Linie und Fläche, von Fülle und Vakanz gibt ihnen einen stark geometrischen, einen mathematisch-physikalischen Anstrich. Der Raum, den sie um sich herum gestalten, ist daher eher einem naturwissenschaftlichen Erkenntnisraum vergleichbar. Der Naturalismus der späteren Arbeiten hingegen schafft in ihrem Nahbereich eine Art Aktionsraum. Denn mit jedem Betrachter bilden die Tierfiguren neue Einheiten, durch die jeweils ein höchst individueller Anschauungsraum entsteht. Dieser Raum ändert sich durch Erfahrung.

Auch die zeitliche Abfolge, der Zeitraum des Geschehens, ist für jede Ansammlung von Masse typisch. Denn, so eine andere Erkenntnis Einsteins, jeder Körper konstituiert seine eigene Zeit. Nur Körper, die so zusagen im gleichen Zustand schwingen, haben auch die selbe Zeit. Damit kommt der Absolutismus des Chronos zu einem Ende. Einstein schmiedet die beiden Begriffe dann in seiner Relativitätstheorie zum "Raum-Zeit-Kontinuum" zusammen, einer von Energie aufgespannten Ebene. Massive Körper verformen die raumzeitliche Planarität örtlich zu Bergen und Hügeln. Skulpturen lassen sich daher auch als energetische Schnitte durch die Raumzeit auffassen. Doch was sie dem einzelnen Betrachter mitteilen, bleibt vom jeweiligen "Zeitort" abhängig. Denn die Dinge sind im Fluss (panta rhei), wie schon Heraklit erkannte.

Für den Moment lässt sich aus den Tierplastiken Karl Reidels einiges an Geschichte ablesen. Neben der formal-ästhetischen Entwicklung zeigen die Skulpturen in einem gewissen Maß auch einen Zusammenhang mit einer typisch deutschen Biografie. In dem vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Land war die Hauptsorge der Menschen das tägliche Brot. Hauptakteure in den frühen Darstellungen sind daher die Menschen. Das Tier spielt darin nur gelegentlich eine Rolle, die zudem manchmal zwingend zum Sujet gehört.

Auch als der erste Hunger gestillt ist und der Blick wieder über den Kreis der alltäglichen Sorgen hinausschweifen kann, verharrt die Kreatur noch in dienender Domestikation. Doch auch die übrige Fauna bleibt dem Werk zunächst noch fremd. Denn der Bauwahn des Wirtschaftswunders verdrängt alles, was da kreucht und fleucht, auch aus dem Bewusstsein. Pfleglicher und fürsorglicher Umgang mit dem natürlichen Lebensraum sind in der Epoche des Aufschwungs kein Thema. Auch später verbannt der forcierte, bis heute anhaltende Häuser- und Straßenbau die Tiere aus dem Gesichtskreis der Menschen. Im Zeitalter der Streichelzoos bleibt das Naturerleben auf der Strecke.

Gegen Ende der siebziger Jahre setzt bei Karl Reidel eine dazu gegenläufige Tendenz ein. Die Kreaturen lösen sich aus den kollektiven Zusammenhängen, aus der Nützlichkeit für den Menschen, und drängen zum solitären Standbild. Zudem erweitert sich der Kreis der dargestellten Tiere. Zumindest im Werk des Bildhauers kehrt die belebte Natur zurück. Neben den Nutz- und Haustieren machen sich nun auch Wildvögel und Waldbewohner breit. Kleintiere und Insekten erobern sich neues Terrain und beginnen die Stelen der Plastiken hinauf zu kriechen. Anderes Getier wiederum bevölkert die Ränder und Auffangschalen Reidelscher Brunnen.

Einer der sozialen Höhepunkte dieser Tendenz ist seine Plastik "Goldene Arche". Die "Eurogroup for Animal Welfare" hat die Bronze bisher zweimal an Persönlichkeiten verliehen, die sich um den Tierschutz besonders verdient gemacht haben: Königin Sofia von Spanien und Astrid Lindgren.  ¤

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