Galerie Beate Rose

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MARLENE REIDEL

WIE MEIN LEBEN SO VERLAUFEN IST

Gemessen an dem, was der Weidenkorb gekostet hat, den meine Mutter kaufte, um mich nach meiner Geburt hineinzubetten, war ich das Kind von Millionären. Der Weidenkorb kostet nämlich sieben Millionen Mark. Das war 1923, in der Inflationszeit. Alle Leute waren damals Millionäre, und doch war man arm, denn gegen Ende der Inflationszeit kostete eine Semmel Milliarden.

In einer meiner frühesten Erinnerungen sehe ich den Vater in der Stubentür stehen. Er kommt von der Arbeit, es ist Samstagabend. Er greift in die Hosentaschen und lässt lächelnd ein paar Silbermünzen über den frischgeputzten Holzboden unserer Stube rollen. Wir Kinder sammeln die Münzen wieder ein und rollen sie dem Vater wieder zu.

Die Eltern arbeiteten damals als Tagelöhner beim Graf von Soden in Neufraunhofen. Der Vater ging ins „Gut“, oft auch die Mutter, doch meistens versorgte sie daheim einen Teil des Viehs. Daheim, das war Krottental. Krottental war ein heruntergekommener Einödhof und gehörte zum Schloßgut, und wir, die Arbeiterfamilie, konnten hier wohnen.

Der Wochenlohn betrug für Vater und Mutter zusammen 36 Reichsmark. Dazu kam noch das „Deputat“. Das bestand aus 1 Liter Milch und 1 Liter Bier täglich und 3 Zentnern Weizen, 3 Zentnern Kartoffeln und 3 Ster Holz jährlich. Das war nicht viel, aber es war genug. Immer hatten wir das Gefühl, es ausgesprochen gut zu haben. Dieses Gefühl ist mir unvergeßlich und hat mich mein ganzes Leben begleitet.

Was mir aber am unvergesslichsten ist, das sind die Stunden, in denen uns die Mutter Geschichten erzählte! Zwar, Bilderbücher hatten wir keine, dazu reichte das Geld bei uns nicht. Und doch – es gibt kein Bilderbuch, das so farbig, so lebendig, so geheimnisvoll und unheimlich jene Bilder, wie sie die Mutter mit ihren Geschichten in unsere Köpfe zauberte, wiedergeben könnte.

Mit 14 Jahren kam ich aus der Volksschule. Ich begann eine Lehre in einer keramischen Werkstätte im nahegelegen Landshut. Nach meiner Gesellenprüfung, damals war Krieg, wurde ich für zwei Jahre zum Arbeitsdienst und Kriegshilfsdienst eingezogen.

Nach Ablauf dieser Zeit schickte ich eine Mappe mit Zeichnungen, die ich in jeder freien Minute angefertigt hatte, an die Akademie für bildende Künste in München und bewarb mich um die Aufnahmeprüfung. Ich wurde aufgenommen und so begann ich, Malerei zu studieren. Mein Studium dauerte aber nur einige Wochen, bis große Teile Münchens, darunter auch das Akademiegebäude, durch Bombeangriffe zerstört wurden.

Als der Krieg zu Ende war, fanden sich die Kunstschüler und ihre Professoren in Haimhausen bei München wieder zusammen. Im dortigen Schloß wurde das Studium provisorisch wieder aufgenommen.

Das war eine aufregende Zeit! Ich lernte sie plötzlich alle kennen, die großen Meister des französischen und deutschen Impressionismus und des Expressionismus, die faszinierende Kunst der Neuzeit, der Moderne, von deren Existenz ich während der Hitlerzeit keine Ahnung hatte!

Aber wieder dauerte mein Studium nicht lange – ganze drei Semester – dann heiratete ich 1948 Karl Reidel, der noch im gleichen Jahr ein Studium der Bildhauerei an der Akademie München begann.

Um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitet mein Mann als Werkstudent in Münchner Steinmetzfirmen. Ich betätigte mich im Landshut, wo wir wohnten, als keramische Malerin in Betrieben, in die ich entweder meine Kinder mitnehmen konnte oder die mir die Keramikgefäße ins Haus brachten. Als mein Mann sein Studium nach 12 Semestern erfolgreich abschloß, waren bereits vier unsere sechs Kinder geboren.

Obwohl wir damals ziemlich arm waren, denke ich gern an diese Zeit zurück. Ich war fast immer mit meinen Kindern zusammen. Und so, wie seinerzeit unsere Mutter uns ihre Geschichten erzählt hatte, erzählte ich nun meinen Kindern die meinen.

Wir waren es, die auf den Mond stiegen und um die Welt flogen. So entstand eines meiner ersten Bücher Kasimirs Weltreise. Oder wir stellten uns vor, was passieren würde, wenn wir zaubern könnten. Daraus wurde das Buch Der Gabriel mit dem Zauberstab. Wir malten uns aus, wie es wäre, wenn wir mit einem Schifflein unseren Bach hinunterfahren würden. Das wurde dann das Kinderbuch Der schöne Erich. Und natürlich erzählte ich meinen Kindern auch, wie das damals bei mir war, als ich noch ein Kind war. So entstand das Buch Der Lorenz – ein Jahr in Krottental.

Viele Jahre sind seither vergangen und meine sechs Kinder sind längst keine Kinder mehr. Sie haben nun selbst Kinder und sind in ihr eigenes Leben hineingewachsen.  ¤

Aus dem Buch: Marlene Reidel, Der bunte Schmetterling

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