Galerie Beate Rose

D-84028 Landshut, Nahensteig 183, Tel + Fax 0871 / 2764044


NIKO DEUSSEN

Marlene Reidel - Die Malerei

Rede zur Vernissage der o.g. Ausstellung am 25.1.2008 in der Kunstsammlung Ostbayern, Spital Hengersberg

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Marlene Reidel ist in Niederbayern ein Begriff. Mit über 200 Publikationen zählt sie zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Kinderbuchautorinnen von internationalem Rang: Ihre Bücher sind in viele Sprachen übersetzt und heimsten eine Reihe nationaler und internationaler Preise ein. Erst vor kurzem wurde ihr wohl berühmtestes Buch "Kasimirs Weltreise" ins Koreanische übertragen. Erstmals 1957 im legendären Münchner Georg-Lentz-Verlag aufgelegt, haben die Auflagenzahlen des Kasimirs inzwischen etliche hunderttausend erreicht. Es gibt sogar eine Fortsetzung: Genau 50 Jahre nach dem ersten Kasimir brachten die Museen der Stadt Landshut im vergangenen Dezember "Kasimirs Zeitreise" heraus.
Was die Bücher neben dem großen Gespür für das kindliche Denken und Empfinden auszeichnet, sind die Illustrationen. Sie künden von der Begabung als Malerin und bezeugen eine malerische Raffinesse, wie sie typisch ist für die auf dem niederbayerischen Eindödhof Krottental aufgewachsene Künstlerin. Diese Ausstellung möchte daher der malerischen Könnerschaft von Marlene Reidel nachspüren. Marlene Reidel gehört zu jener Generation, die Hitler als letztes Aufgebot in den Krieg schickte oder in die Kriegsproduktion verbannte. An eine Ausformung ihrer Talente war unter dem Gesinnungs- und Kriegsterror des Dritten Reichs nicht zu denken. Zudem hatten die Nationalsozialisten Deutschland systematisch von der europäischen Kunstwelt abgeschnitten, bevor schließlich der von ihnen angezettelte Weltkrieg jedes Interesse an Kunst und Kultur abwürgte.
Um so vehementer ergoß sich nach dem Untergang des Nazi-Regimes die Bilderflut des ehemals Verpönten und Verfemten auf die ausgetrocknete deutsche Kunstlandschaft. Es muß für die angehenden Künstler ein überwältigendes Erlebnis gewesen sein: "Ich lernte sie plötzlich alle kennen, die großen Meister des französischen und deutschen Impressionismus und des Expressionismus", erinnert sich Marlene Reidel später. Das Nachholbedürfnis der jungen Künstlergeneration war groß. Gleichsam im Laufschritt wurden die künstlerischen Entwicklungen der zurückliegenden Dekaden nachvollzogen. Das Ergebnis dieses freien Experimentierens ist hinlänglich bekannt. Das aufstrebende Deutschland wurde von einer bis dahin nicht gekannten Stilvielfalt geradezu überschwemmt. Während nach Kriegsende der Abstrakte Expressionismus us-amerikanischer Provenienz massiv nach Europa drängte, erarbeitete sich Marlene Reidel ihren eigenen Stil. Schlußendlich läßt er sich als eine subtile Weiterentwicklung des Kubismus beschreiben. Seine Wesensmerkmale sind eine "streng rhythmische Flächenanordnung und eine hochdifferenzierte, spannungsreiche Koloristik", wie Hans Krieger erst kürzlich in einer Kritik schrieb. Sie ist damit ihren ureigenen Weg gegangen, so der ehemalige Feuilletonchef der Bayerischen Staatszeitung, geführt von "einem untrüglichen Gespür für die stimmige Form". Gleich nach dem Krieg bis in die 1960er Jahre entstanden Impressionen und Porträts. Doch schon in den 1950er Jahren stieß sie auf das Idealsujet für ihren Stil: das Glasgefäß. "Inmitten des Siegeszuges der Abstraktion der fünfziger Jahre entschied sich Marlene Reidel für einfache Gläser als bevorzugte Modelle für ihre individuelle Stillebenmalerei", so Franz Niehoff, Leiter der Museen der Stadt Landshut. Das wohl früheste Glasstilleben stammt aus dem Jahre 1951. Abgebildet ist ein einfaches grünes Vorratsbehältnis, in dem ein Zweig voller Blätter steht. Das Gefäß ist ein Geschenk des Bildhauers Fritz Koenig, eines Studienkollegen ihres Mannes Karl Reidel - beide studierten damals bei Anton Hiller in München.
Diese Glasgabe wird zwei Dinge auslösen. Zum einem entflammen Marlene und Karl Reidel regelrecht für den zerbrechlichen, aber unglaublich plastischen Werkstoff und tragen im Laufe vieler Jahrzehnte eine weit gerühmte und in Teilen einmalige Sammlung an Glasobjekten zusammen. Zum anderen ist sie der Auslöser für eine Reihe von Stilleben, die Marlene Reidel bis heute fortführt. Die jüngsten Interpretationen des Zusammenspiels von Glas und Licht, die hier zu sehen sind, sind gerade erst herunter vom Maltisch. Im Laufe der letzten fünf Dekaden entstand ein umfangreiches Oeuvre von kubistisch geprägten Farbkompositionen, in denen sich Experiment und Expression spannungsvoll begegnen. Mit ihren farbkräftigen Glasstilleben bewegt sich Marlene Reidel an der Basis eines jeden malerischen Problems: die Phänomene des Lichts, die Vielfalt seiner Brechungen, Spiegelungen und Reflexionen, die Unberechenbarkeit des schimmernden Augenblicks bildnerisch zu manifestieren. Sie spürt dem Strahlengang nach, der die Dinge für den Menschen erst sichtbar werden läßt. Aber ihre Aufmerksamkeit gilt auch dem Wahrnehmungsprozeß, der die sichtbare Dingwelt für das Individuum interpretierbar macht. Unterbrochen wurde der Zyklus der Glasbilder immer wieder durch den Entwurf neuer Kinderbücher und Auftragsarbeiten. So schuf sie Illustrationen für die Fernsehbearbeitungen ihrer Erzählungen. Im Auftrag des Bayerischen Fernsehens schnitt sie einen Holzschnittzyklus zum Leben und Sterben des legendären bayerischen Räubers Mathias Kneißl. Für das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg übernahm sie die Ausstattung von Theaterstücken.
Mitte der 1990er Jahre entschließt sich Marlene Reidel, wieder Landschaften zu malen. In den 1950er und 1960er Jahren hatte sie etliche ländliche Szenerien gearbeitet, dann aber das Thema zugunsten der Glaskompositionen aufgegeben. Doch die lang anhaltende Erinnerung an eine Studienreise nach Spanien im Jahre 1955 drängten nach Verarbeitung. Es entstand eine Serie südlicher Landschaften, die durch ihre farbige Flächigkeit die an der Lichtbeobachtung geschulte Hand erkennen läßt. Ergänzt und gekontert werden die südlichen Impressionen mit Ansichten der niederbayerischen Heimat. Im vergangenen Jahr erfuhren ihre Landschaftssujets eine Weiterentwicklung. Sie entfernen sich von konkreten Vorlagen, werden abstrakter und konzentrieren sich mehr auf das ewige Spiel, das Form und Farbe miteinander treiben. Vielfach geehrt, unter anderem schon 1965 mit dem Kulturpreis Ostbayern, würdigte der bayerische Staat die Leistungen und Bedeutung der Landshuter Malerin mit der Auszeichnung "Pro Meritis scientiae et litterarum" und schließlich mit dem Bayerischen Verdienstorden.
Allerdings, da gibt es noch eine Leistung, die erwähnt werden sollte. Eingewoben in den künstlerischen Alltag, bewältigte sie die Erziehung ihrer sechs Kinder. Ihr herausragendes künstlerisches Lebenswerk - und natürlich auch das von Karl Reidel - wird gleichsam unterfüttert durch die künstlerischen Tätigkeiten der Töchter: da gibt es eine Goldschmiedin, eine Silberschmiedin, eine Musikerin, eine Schauspielerin und wieder eine Malerin, Beate Rose. Deren Gemälde zeigen wir ab dem 15. Februar im Bürgerhaus zu Garching bei München.
Zum Schluß in eigener Sache noch einen Hinweis: In einer Gemeinschaftsausstellung präsentieren wir Werke von Marlene Reidel, Karl Reidel und Beate Rose ab dem 4. April im Doerffler-Museum in Schillingsfürst.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

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