Galerie Beate Rose

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NIKO DEUSSEN

BLICK DURCH'S BRENNGLAS

Betrachtungen anlässlich der Ausstellung Marlene Reidel - Das Kleine im Großen in der Galerie Rose, Landshut, am 19.11.2000

Mit einer Lupe, meine Damen und Herren, mit einer Lupe lässt sich Feuer machen. Das gewölbte Glas bündelt die eingefangenen Sonnenstrahlen auf einen winzigen Fleck. Die konzentrierte Wärme treibt die Temperatur im Material nach oben, bis es sich schließlich selbst entzündet und die Flammen züngeln. Als Kinder sengten wir uns mit einem Brennglas ein Abbild der Sonne auf die Haut. Nimmt das Licht den umgekehrten Weg, vom Tüpfelchen durch die gläserne Linse ins Auge, streben die Strahlen auseinander und vergrößern so das obskure Objekt unserer Wissbegierde.

Wie beim Rad liegen die Ursprünge der optischen Gläser im vorgeschichtlichen Dunkel. Erste Hinweise entdeckten Archäologen bei 5.000 Jahre alten sumerischen Texten. Manche der Tontafeln sind nicht größer als eine Briefmarke, bedeckt mit klitzekleiner Keilschrift. Wir jedenfalls können die Zeichen mit bloßem Auge nicht entziffern. Falls die alten Sumerer nicht gesehen haben wie die Luchse, benutzten sie wohl schon Vergrößerungsgläser.

Die erste antike Sammellinse, über 3.000 Jahre alt, wurde bei Ausgrabungen im Zweistromland gefunden. Einige Forscher glauben jedoch, dass die kleine Kristallscheibe weder zum Feuer machen noch zum Lesen gebraucht wurde. Sie war vielmehr, so vermuten sie, Teil eines Teleskops. Mit dem frühgeschichtlichen Fernglas beobachteten die Assyrer, die kulturellen Erben der Sumerer in Mesopotamien, das sternenflimmernde Firmament. Denkbar ist das schon. Denn eine der treibenden Kräfte, durch die der Mensch aus dem Affen herauswuchs, war sicher die Neugier. Sie wurde ihm wichtiger Wesenszug, der ihn um- und vorantrieb.

So verfügten die Menschen in den Kindertagen der Zivilisation, der Kultur des Zweistromlandes, bereits über eine gut gefüllte Werkzeugkiste. Doch mit dem Brennglas begann eine neue Epoche. Faustkeile, Speerspitzen und Grabstöcke dienten dem direkten Überleben. Mit ihnen setzten sich unsere Altvordern unmittelbar mit der Natur auseinander und veränderten im Laufe der Jahrtausende ihre Lebensräume. Die Kulturlandschaft entstand. Dabei waren die Arbeitsgeräte in ihren Händen so zu sagen aktiv, nutzten sich allerdings irgendwann ab oder gingen entzwei.

Die Lupe erscheint dagegen als passives Werkzeug. Sie verschleißt nicht - und wenn noch so viel Licht hindurchfällt. Ihr Gebrauch hinterlässt keine Spuren in der äußeren Welt. Doch dem optisch erweiterten Sehsinn erschließt sich Ungeahntes und Unerforschtes, bisher nicht zugängliches Terrain. Das Vergrößerungsglas zeigt die Details der Dinge, das Mosaik des Materials, bringt die Feinheiten zum Vorschein. Mit zwei Linsen, zum Fernrohr hintereinander montiert, schwinden die Distanzen. Das Weite rückt in greifbare, begreifbare Nähe.

Die Veränderung, die der Blick in bislang Unbekanntes bewirkt, findet in unseren Köpfen statt. Die hereinströmenden Informationen, die Nachrichten vom Kleinen im Großen, vom Nahen im Weitem, zu Wissen verarbeitet, prägen dem Denken ein neues Bild der Welt auf. Der bauchige Glaskörper entpuppt sich so als ein intellektuelles Werkzeug, als Hilfsmittel des Erkennens und als erstes Arbeitsgerät der Naturwissenschaften.

Als geformte Gläser spielt der traditionelle Werkstoff auch bei Marlene Reidel eine gewichtige Rolle. Auf die Reidelsche Altglas-Sammlung sei hier nur hingewiesen. In ihrer Malerei lassen sich durchgängig Bilder ausmachen, in denen das durchsichtige Material zugleich Motiv und Stilmittel ist. Auf den Bildern und Blättern dieser Gruppe findet es sich als Bouteillen und Becher, mal mit behäbigem Bauch, mal mit langem Hals oder eckigen Schultern. Die Wandungen der Behälter wirken wie Prismen, in denen das hindurchfallende Weißlicht in Farben zergliedert wird. Auf der Malfläche reiht sich - wie in einem Kaleidoskop - Farbfeld an Farbfeld. Manchmal laufen die bunten Strahlen noch durch weitere Glasgefäße und ergänzen und durchdringen einander, ohne sich gegenseitig zu stören.

Eine Eigenschaft, die dem Licht eigentümlich ist. Nur Lichtwellen durchdringen sich ohne gegenseitige Beeinträchtigung. Schon bei Tönen geht das nicht mehr. Wenn zu viele davon auf unser Ohr einstürmen, kennen wir sie nicht mehr auseinander. Sie überdecken sich, verzerren dabei, bis schließlich ein wüstes Potpourri aus Geräusch und Geschrei, ein durchdringendes Rauschen den Hörkanal verstopft. Überlagerten sich Lichtstrahlen auf dem Weg in unser Auge auf ähnliche Art, versänke die überbordende Farbenvielfalt, das Farbenspiel unserer Welt ganz in Weiß, kein Blumenstrauß wäre in diesem weißen Rauschen vom andren zu unterscheiden.

Doch der frühgeschichtliche Werkstoff fand noch einen anderen Eingang in die Arbeiten von Marlene Reidel. Auch in ihren Kulturlandschaften, vor rund 20 Jahren für das unbeschwerte Umherschweifen des kindlichen Auges geschaffen, enthüllt sich vieles erst durch einen Blick mit dem Brennglas. Denn die Feinstrukturen von Insekten und Würmern, Vogelnestern und Fahrrädern wurden auf den mittels einer Standlupe aufgeweiteten Malgrund gebracht. Mit diesem Kniff steht die Künstlerin durchaus in der Tradition ihres Handwerks. So berichten schon römische Schriften von einem Graveur aus dem einst prachtvollen Pompeji, der seine filigranen Sticheleien unter einem Vergrößerungsglas ausführte.

Nehmen Sie also, wie seinerzeit Sherlock Holmes, eine Lupe zur Hand und begeben sich auf Fährtensuche. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Vergnügen, Freude und Spaß beim Lesen in den Pinselspuren der Marlene Reidel.  ¤

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